Mit zwei Leserbriefen an die Nachdenkseiten und einem öffentlichen Brief an die  Blätter für deutsche und internationale Politik setzt sich der Künstler Moritz Klingmann unermüdlich für eine Debattenkultur ein, die diesen Namen verdient. Schlagworte wie Populismus, Fake News, Verschwörungstheorie werden, gerade auch in Zeiten der Corona Krise, instrumentalisiert, um sich mit den Argumenten des Andersdenkenden nicht mehr auseinandersetzen zu müssen. Aus derart geistiger Enge erwächst nichts Gutes. Jedenfalls nichts, was den Namen Demokratie verdienen würde.

Leserbrief 1 an die Nachdenkseiten

Heute war ich mit meiner zwölfjährigen Tochter bei der Nicht-ohne-uns-Kundgebung in Freiburg. Wir waren ca. 75 Minuten im Auto unterwegs, meine Tochter wollte unbedingt mitkommen. Auf dem Platz waren die Bereiche, in denen man sich aufhalten konnte, markiert, Gesichtsmasken waren vorgeschrieben. Die Stimmung war sehr friedlich. Es wurden zunächst Zitate von Sophie Scholl verlesen, dann wurde gesungen „Die Gedanken sind frei“ in einer aktualisierten Version. Anschließend wurde das zweiseitige Fazit der Gefährdungsanalyse von Stephan Kohn aus dem BMI verlesen, für die der Autor vom Dienst suspendiert wurde. Währenddessen stürmten schwarz gekleidete und vermummte Gegendemonstranten auf den Platz und begannen mit Mikrofon und Lautsprecher die Kundgebung zu übertönen. Ich wollte mit diesen Leuten reden. Es war ein Ring schwarz „uniformierter“ junger Männer, die die Rednerin abschirmten. Der Mann, den ich trotz der Lautstärke anzusprechen versuchte, antwortete mir nicht. Schließlich musste ich dann hören, wie die Anwesenden der Kundgebung von der Rednerin der Gegendemonstranten als Antisemiten beschimpft wurden.
Ich habe mich mein Leben lang noch nie für einen Antisemiten gehalten. Es sind Momente tiefster Traurigkeit, immer wenn ich mit den Verbrechen, die durch deutsche Antisemiten verübt wurden, konfrontiert werde. Ein Künstler, den ich im meinem Studium zu bewundern gelernt habe, der nach seiner Ermordung in Majdanek lange in Vergessenheit gefallen ist, war Otto Freundlich, ein Vertreter der Kölner Progressiven der 20er Jahre, der aber in Paris lebte, im Übrigen ein esoterisch angehauchter „Spinner“. Ich habe mich selbst immer als Linker verstanden, inzwischen muss ich sagen, dass ich die Linke sicher nicht mehr wählen werde, aber das steht auf einem anderen Blatt. Ich unterstützte schon vor 2016 und bis heute regelmäßig Pro Asyl. Ich stehe auf dem Standpunkt, dass die Menschen, die zu uns kommen, sich ganz sicher nicht freiwillig auf den Weg gemacht haben und dass wir, nachdem unsere Regierung an der Zerstörung der Herkunftsländer einen gehörigen Anteil trägt, dazu verpflichtet sind, den Opfern beizustehen und dabei ist es mir übrigens auch völlig egal, ob Leute vermuten, dass seien ja sowieso die Privilegierten ihrer Herkunftsländer. Ich zähle das jetzt ehrlich nicht in der Hoffnung auf, mich damit in Weihrauch hüllen zu können als guter Linker, das bin ich nicht mehr. Ich sage das nur, damit mich vielleicht irgendjemand von denen, die so gerne mit Bewertungen um sich schmeißen, verstehen kann und nachempfinden kann, was ich eigentlich so verletzend finde.
Also, ich bin von meiner Sozialisation und meiner Empfindung her Linker, ich weiß nicht, was ich mit einem Rechten, einem Neonazi oder einem Antisemiten gemein haben sollte, außer dass der auch ein Mensch ist, vielleicht auch in Deutschland geboren und vielleicht gegen den Lockdown eingestellt. Zwar finde ich die israelische Politik grauenhaft, aber auch nicht grauenhafter als die Außen- und Militärpolitik unseres Landes, geschweige denn der USA oder auch Frankreichs und ich glaube nicht, dass es meine Aufgabe ist, nun mit Kritik an Israel hervorzutreten.
Also diese Zuschreibung des Antisemitismus empfand ich als unsachlich, völlig unbegründet und beleidigend und somit habe ich mich verleiten lassen, die Leute anzubrüllen mit: „Faschisten raus!“, denn ich komme allerdings zu dem Schluss, dass so eine Haltung, wie sie diese Schwarzvermummten herausgebrüllt haben, bevor dann nach 10 Minuten die Polizei das Schauspiel beendete, dass so eine Haltung im Geiste faschistisch ist, denn sie zielt, ohne Rücksicht auf Verluste auf Gleichmachung und Gleichschritt, was ich von jeher ablehne, sie ist menschenfeindlich.
So und Jens Berger spricht nun von Spinnern und meint damit die Esoteriker, diejenigen, die an die Wirkung geister Kräfte glauben. Und sein Mitdiskutant, Florian Kirner, erklärt mein Weltbild so: „Jeder googlet sich frei Schnauze sein Weltbild, seine Weltanschauung zusammen und gleichzeitig ist man so unter dem Druck, das kennt ja auch jeder von uns, dass du zu allem und jedem eine Meinung haben musst. (…) ... das führt zu einer Art von Politisierung ... die aber halt unheimlich messi ist und das zeigt sich auf diesen Demos wie auch in der digitalen Medienszene halt auf dramatische Weise.
Also dann habe ich das jetzt auch: Ich bin also ein Spinner, und meine Politisierung ist „messi“ (schmutzig? und psychisch krank?), also wieder nicht ganz sauber, was Florian Kirner so als lupenrein durchgehen lässt, wahrscheinlich seine eigene politische Haltung. Ich will jetzt nicht ungemütlich werden und etwa zum Ausdruck bringen, dass mich solche Zuschreibungen nur noch ankotzen. Das wäre unschön und vor allem unsachlich. Ich will euch nur sagen, dass ihr mit dieser Spreche und dieser vorschnellen Beurteilung anderer Menschen unheimlich viel kaputt macht. Was die Spinner betrifft: Spinner haben immerhin den einen „Vorteil“, dass sie mitunter an irgendetwas glauben und das kann durchaus auch das freie Menschenwesen sein. Es gibt nämlich ganz unterschiedliche Arten von Spinnern. Die Nazis haben zwar ihren Führerkult zelebriert und die germanische Mythologie bemüht, aber eigentlich geglaubt haben sie nur an den Tod. Daran kann man sie übrigens auch sehr leicht erkennen. Auf der Kundgebung in Freiburg sind einige Leute mit sehr fantasievoll gestalteten Aluhüten unterwegs gewesen. Ich habe das als einen ironischen und erfreulich souveränen Umgang mit den Zuschreibungen interpretiert, aber es würde mich auch überhaupt nicht wundern, diese absurden Aluhüte als Beleg der Versponnenheit in der Presse kommentiert zu finden. Humor ist der Feind des Faschismus.
Was nun die Verwendung des Kampfbegriffs Antisemitismus betrifft, so meine ich, dazu in den Nachdenkseiten schon einiges gelesen zu haben, zum Beispiel im Zusammenhang mit Jeremy Corbyn und der Kampagne gegen ihn. Jawohl, es gibt Antisemitismus, und inzwischen meine ich, auch mit diesen Leuten, ja, auch mit diesen Leuten würde ich, wenn sie mir begegnen, zumindest versuchen zu reden.

Also: Die eigentliche Gefahr kommt nicht von rechts, das ist mir inzwischen auch klar geworden. Diejenigen, die mich zunächst in meiner Sichtweise zum Corona-Shutdown inspiriert haben, waren Wolfgang Wodarg, Sucharit Bhakdi, Bodo Schiffmann. Das sind nach meiner Kenntnis keine Rechten. Bei allem bleibt für mich zunächst einmal die Frage offen, wie gefährlich dieses Virus tatsächlich ist, dennoch sage ich: Es ist unfassbar, dass wir uns damit abfinden, unser Leben in einen Zustand überführen zu lassen, in dem das Lebendige grundsätzlich kompromittiert erscheint. Das ist für mich der zentrale Punkt und die eigentliche Gefahr in dieser ganzen Entwicklung. Und dahin gehören auch alle Versuche, Widerstrebendes zu denunzieren zu diskreditieren zu ignorieren oder lächerlich zu machen.

Jens Berger meint, man dürfe sich wegen „irgendwelcher Spinner“ (Spinner ist sein Lieblingswort) die wichtigen Themen nicht verbieten lassen. Ihm und Florian Kirner, der zwar meditiert, aber trotzdem an Wissenschaft glaubt) ist ihre Einordnung als vernünftige Linke sehr wichtig und da ist es offenbar dann auch wichtig, die Spinner (also die Esoteriker, die an Geistiges glauben, so wie ich), die Rechtsradikalen und die Messis entweder auszugrenzen oder zumindest pauschal abzuwerten. Vielleicht ist es cool, zu sagen, es sei ein Ausweis von „Schwachsinn“, wenn man meint Bill Gates wolle der Menschheit Mikrochips einpflanzen, die Frage ist aber für mich, ob das das Problem ist oder vielleicht doch eher die Brutalität, die darin liegt, andere zuallererst mal als schwachsinnig zu bezeichnen.

Inzwischen hat sich mir gezeigt, dass die eigentliche Gefahr nicht von rechts kommt, sondern die Gefahr äußert sich gerade in dieser Brutalität des Umgangs. Brutal sind viele bei den Rechten und ca. genauso viele bei den Linken. Wenn ich also ein (sorry) Idiot bin, dann seid ihr Linksfaschisten (sorry).

Die ganze Diskussion entwickelt sich im weiteren Verlauf zu einem abgehobenen Schwadronieren über letztlich für die Diskutanten unübersichtliche und unverstandene Tatsachen und die Sinnhaftigkeit von Maßnahmen, da gibt es auch eine Menge Unwissen. Da ist dann auch viel von Gefühlen die Rede. Man weiß wenig, man recherchiert nicht systematisch, was es bereits an gesichertem Wissen gibt, aber ununterbrochen werden Beleidigungen abgesondert.

Eins will ich euch mal sagen: Diejenigen, die am stärksten unter dieser Krise leiden sind die jungen Menschen, die Kinder, und die alten Menschen und ich kann es einfach nicht glauben, dass wir Menschen es dabei bewenden lassen, diese noch ein weiteres Dreivierteljahr zu quälen und in Angst zu versetzen, durch das Bild des oder der Maskierten.

 

Leserbrief 2 an die Nachdenkseiten

Moritz Klingmann

Ich will meinen Leserbrief, mein Feedback, wie man heute so schön sagt, an die Herren Pedram Shahyar, Florian Kirner und Jens Berger noch einmal etwas ergänzen.

In meiner gestrigen Zuschrift bin ich auf die Form eingegangen, in der Sie sich geäußert haben, man mag diese Form flapsig nennen, ich finde sie unerträglich. Jetzt möchte ich aber noch einmal auf den Inhalt eingehen, das, worum es geht.
Es ist sehr aufschlussreich zu hören in solchen Diskussionsbeiträgen von progressiven Denkern, wie wenig sie in der Lage sind, über den eigenen Tellerrand zu schauen.
Man könnte ja argumentieren: Es werden Maßnahmen ergriffen, um ein gefährliches Virus einzudämmen. Wie verhalten sich nun diese Maßnahmen zu den Gefahren, die von dem Virus ausgehen. Von einem progressiven in seiner Solidarität internationalistisch gesinnten Denker würde ich allerdings erwarten, dass er über den eigenen Tellerrand zu schauen in der Lage ist und zu irgendeinem Zeitpunkt, früher oder später, an den Punkt kommt, sich zu fragen: Was passiert eigentlich zur Zeit mit den Näherinnen in Bangladesch, was passiert mit Hungernden in afrikanischen Ländern, mit armen Leuten in Indien, was für Polster haben die, um die krassen wirtschaftlichen Auswirkungen des Lockdown, den sich der Westen zum eigenen Schutz verordnet hat, abzufedern. Und wie rechnen wir das eigentlich in Tote um. Sind die Verhungerten dann auch Covid-19-Tote?
Gut das interessiert uns vielleicht nicht, weil es auch im Augenblick vielleicht nicht die Zeit ist für Internationalismus. Aber was macht der Lockdown eigentlich mit denen, die bei uns prekär leben. Was passiert, wenn so etwas durchgezogen wird und was für Folgen haben die Maßnahmen denn ganz konkret. Haben sich die Linksintellektuellen darüber schon Gedanken gemacht.
Und nicht nur auf der ökonomischen Ebene – was passiert, wenn man eine Bevölkerung mit grassierenden Viren systematisch in Panik versetzt. Jeder kann das ja bei sich selbst beobachten. Werden wir vielleicht aggressiv. Entwickeln wir Hassgefühle. Entwickeln wir Ängste, so dass wir uns nur noch sicher fühlen, wenn wir eine Maske tragen? Was macht eigentlich eine solche Maske mit psychisch labilen Menschen, denen wir begegnen, Menschen, die eine Angststörung haben? Generalisierte Angststörungen betreffen jedes Jahr vielleicht 2% der Bevölkerung, auf jeden Fall sehr sehr viele Menschen. Sie gehen in knapp 80 % der Fälle mit Depressionen einher. Also es geht mir nur darum an ein paar recht willkürlichen Beispielen darauf hinzuweisen, dass was gerade stattfindet ist nicht irgendeine kleine Beeinträchtigung für wohlstandsverwöhnte Weicheier. Das, was wir tun, stellt für sehr viele Menschen eine existenzielle Bedrohung dar. Und da stellt sich mir nun die Frage: Wäre es da eigentlich nicht sinnvoll oder besser im höchsten Grade geboten, diese Maßnahmen in ihrer ganzen Breite auf ihre Notwendigkeit zu prüfen, sie kritisch zu hinterfragen und sehr genau abzuwägen zwischen Schaden und Nutzen der Maßnahmen. Jetzt frage ich die ehemals kritischen Linksintellektuellen: Vertrauen Sie der Regierung, dass sie diese Prüfung, unabhängig von aller politischen Opportunität im gebotenen Maße vornimmt und wie erklären Sie sich, dass diese Prüfungsprozesse offenkundig im Geheimen stattfinden? Nun ja, es gibt die Treffen der Bundeskanzlerin mit den Ministerpräsidenten, ist es das? Und es gibt das RKI …
Hierzu vielleicht einmal noch einen anderen Blickwinkel: Was gibt uns eigentlich das Vertrauen, dass diese Regierung und die Regierungen weltweit den Schutz des Lebens als das höchste Ziel ihrer Politik betrachten. Wie verhält es sich in unserem Land mit den Preisen für neu erforschte Krebsmedikamente, die für Kassenpatienten nicht zur Verfügung stehen. Das ist nur aus dem Bereich der Medizin ein willkürlich herangezogenes Beispiel. Oder wie verhielt es sich vor einigen Jahren mit den Aids-Medikamenten in afrikanischen Staaten? Und wie steht es eigentlich um Waffenexporte …?
Also, ich glaube das nicht, dass es hier einen ausgedachten, verabredeten Plan gibt. Ich glaube allerdings nicht an eine Verschwörung, auch wenn ich sagen muss, dass ich sehr gut verstehen kann, dass es Menschen gibt, die Verschwörungen vermuten, denn Verschwörungen sind ja überhaupt nichts Ungewöhnliches. Es gibt jede Menge davon. Preisabsprachen, das Wirken von Industrielobbyisten, der Abgasskandal. Wenn Journalisten solchen Fällen nachgehen, dann geht es um Verschwörungen und es ist tatsächlich schwer und es fällt mir auch schwer, in diesem Fall nicht eine Verschwörung in Betracht zu ziehen, denn natürlich gibt es Profiteure.
Was eine Verschwörungstheorie, die wie gesagt erst einmal naheliegend erscheint, in diesem Fall nicht erklären kann, ist insbesondere Ihre Reaktion, die Reaktion der Linksintellektuellen und der linken Parteien.
Hier besteht verblüffenderweise ein großer Einklang. Klar, manche wie Herr Berger sind etwas kritischer, andere verweigern das eigene Denken aber scheinbar völlig. Sie haben zunächst einmal Angst – das ist kein Vorwurf. Und in der Angst weigern sie sich, notwendige Fragen zu stellen. Solche Fragen zu stellen ist zudem unbequem: Man kann damit zur Zeit keinen Blumentopf gewinnen, man kann sich bei seinen Freunden unmöglich machen. Aber das ist es auch nicht. Da ist kein inneres Ringen. Vielleicht ist es auch nicht nur Angst, sondern auch Befriedigung.
Die Maßnahmen versprechen soziale Distanz auf lange, unabsehbare Zeit, vielleicht von jetzt an für immer. Vielleicht wird es einen Impfstoff geben, aber es werden neue Viren kommen, es kommen immer neue Viren und wir werden nicht noch einmal die Wirtschaft mit all diesen Kollateralschäden komplett an die Wand fahren lassen können, weil wir das ökonomisch nicht überstehen würden. Also bleibt nur soziale Distanz. Jetzt und in Zukunft. Das andere, was die Maßnahmen versprechen, ist Ausbau der Digitalisierung, denn Digitalisierung schafft in allen Erscheinungsformen Distanz. Distanz wird durch Digitalisierung erträglich. Ja, es wird vielleicht sogar richtig gut. Ein körperlicher Kontakt ist etwas anderes als ein Kontakt über Video – er ist gefährlich.
Diese Vorstellungen sind inzwischen tief verwurzelt. Sie werden nicht von Bill Gates oder Angela Merkel gerade in die Welt gesetzt, sie entsprechen vielmehr inzwischen dem Stand unseres Bewusstseins und zwar quer durch alle politischen Lager.
Und weil das so ist, stehen wir inzwischen unabweisbar vor einer Entscheidung, wie wir in Zukunft leben wollen. Mit etwas Pathos könnte ich sagen: Wir stehen vor der Entscheidung, ob wir in Zukunft weiter als lebendige Menschen leben wollen. Diese Entscheidung muss letztlich jeder für sich treffen. Man könnte es auf zwei Parolen reduzieren:
Es lebe der Tod!
Lieben wir das Leben!
Nur um eines bitte ich nochmals. Nennen Sie mich nicht einen Antisemiten und rücken Sie mich nicht in die Nähe von Faschisten. Faschisten sind auch Menschen, auch bei ihnen kann und muss man fragen, wie sie zu dem geworden sind, was sie geworden sind, aber der Faschismus zeigt sich heute nicht mehr in erster Linie an der Parteizugehörigkeit. Es gibt linke, rechte und bürgerliche Faschisten. Aber die, die sich für das Leben entscheiden, sind keine.

Mitmenschliche Grüße, Moritz Klingmann

 

Öffentlicher Brief an den Herausgeber der Blätter für deutsche und internationale Politik

28.05.20

Sehr geehrte Damen und Herren,

sehr geehrter Herr von Lucke, ich schreibe Ihnen, um Ihnen mitzuteilen, dass ich den Leitartikel der aktuellen Ausgabe der Blätter für deutsche und internationale Politik, die ich seit einigen Jahren abonniert habe für einen Tiefpunkt der Berichterstattung in diesen Zeiten halte. Ein Tiefpunkt, weil ich gerade die Blätter bislang für ein besonnenes, sorgsam argumentierendes journalistisches Medium gehalten habe.

Ich selbst beobachte das politische Geschehen seit vielen Jahren sehr genau und habe mich auch über viele Jahre engagiert, unter anderem für den Verein Mehr Demokratie e.V. Was Albrecht von Lucke in diesem Artikel anfängt ist eine Vermischung von scheinbar abwägender Argumentation mit haltlosen, ausgesprochen abwertenden Behauptungen, die zu erhärten er gar nicht erst versucht. Der Stil dieser Suade, die sich insbesondere gegen die neu gegründete Partei Widerstand 2020 richtet, ist bodenlos.

Albrecht von Lucke wird wissen, was ich meine, denn so eine Schrift entsteht ganz sicher nicht aus Versehen. Ich möchte mich daher auf wenige Aspekte beschränken. Baden-Württemberg war in der Tat in er Vergangenheit eine Hochburg der NPD, der Republikaner und der AFD also insgesamt rechtsnationalistischer, rassistisch orientierter Parteien. Baden-Württemberg war und ist auch eine Hochburg der Grünen. Was das eine oder das andere mit der Entstehung von Widerstand 2020 in Baden-Württemberg zu tun hat, könnte man untersuchen, aber aus dem Zusammentreffen dieser drei Tatsachen eine Evidenz über die Rechtslastigkeit einer neu sich formierenden Partei abzuleiten, ist abenteuerlich. Dies gilt zumal dann, wenn die Äußerungen der in der Öffentlichkeit stehenden Vertreter dieser Partei für eine solche Einordnungn keinerlei Anhaltspunkte liefern. Gäbe es solche Anhaltspunkte, Albrecht von Lucke hätte sie genannt.

Die Gründe für den Protest, der sich gegen den Lockdown formiert hat, verortet Albrecht von Lucke irgendwo zwischen nationalistisch-rassistischen, utilitarischen und egoistischen Bestrebungen. Dass es auch menschenfreundliche und altruistische Gründe für so eine kritische Haltung geben könnte, kommt ihm gar nicht erst in den Sinn. Ich bin Lehrer und ich sehe, was die Schulschließungen bei den Kindern bewirken. Ich kann genau beobachten, wie die Schere auseinandergeht und aufgrund meiner langjährigen Erfahrung mit "Präsenzunterricht" und aufgrund meiner Kenntnis, was der Fernunterricht bisher auch bei den gut ausgestatteten Kindern bewirken konnte, bin ich vollkommen überzeugt, dass das weitere Vorantreiben der Digitalisierung und der damit verbundenen Distanz unseren Kindern nichts Gutes bringen wird. Die Kinder sind aber nicht die Einzigen, die unter den Maßnahmen leiden.

Wirtschaftliche Not ist kein Jungbrunnen und durchaus nicht gesundheitsförderlich, um das einmal ganz banal auszusprechen. Auch die Näherinnen in Bangladesch können mit ihren Familien von einer Gesundheits- und Daseinsfürsorge wie wir sie in Deutschland haben nur träumen. Aber was kümmern uns internationale wirtschaftliche Konsequenzen (in den Blättern), wir forden einfach, dass sich darum gekümmert gehört, aber gestorben wird nicht irgendwann, sondern zeitnah. Natürlich, wenn man mit dem unmittelbar grassierenden Tod in Form einer tödlichen Seuche konfrontiert ist, sind auch einschneidende Maßnahmen zu rechtfertigen. Hier kommen nun eben doch die Zahlen ins Spiel und da haben sich eben inzwischen viele Menschen, auch ich zähle mich dazu, nach einer Zeit der Verwirrung angefangen zu wundern. Welche Zahlen werden publiziert, welche werden in den Publikationen nach vorne gestellt. Welche Zusammenhänge, die sich aus den veröffentlichten Zahlen ableiten lassen werden in der Berichterstattung ignoriert. All dies erleben wir nun nicht vor dem Hintergrund einer allgemeinen "Lockerung" der Maßnahmen, sondern einer Informationspolitik, die den Eindruck vermittelt, dass wir eine Rückkehr zur Normalität, nicht zu einer "neuen Normalität", gar nicht anstreben dürften.

Für Schulen und Kindergärten hat ein Bündnis von Organistationen in einer ausführlich begründeten Stellungnahme eine solche echte Rückkehr gefordert: Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH), Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI), Deutsche Akademie für Kinder- und Jugendmedizin (DAKJ), Gesellschaft für Hygiene, Umweltmedizin und Präventivmedizin (GHUP) und der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte in Deutschland (bvkj e.V.). Diese Gesellschaften fordern zwar gewisse Abstandsregeln beizubehalten, aber nicht in den Gruppen/Klassen, hier soll ohne Beschränkungen, ohne Mundschutz und ohne Aussonderung von Risikogruppen unterrichtet und betreut werden. Das wären Schritte einer Lockerung, die diesen Namen verdient.

Nun könnte ich diese Argumentation auch auf viele andere gesellschaftliche Bereiche ausdehnen, aber ich erspare das mir und Ihnen, denn jedem halbwegs aufmerksamen Beobachter der derzeiten Situation werden sie bekannt sein. Ich will nur sagen, ich bin weder Utilitarist, noch halte ich mich für einen (übermäßigen) Egoisten, Rassismus und Nationalismus halte ich für Grundübel unserer Gesellschaft. Ich kann aber einfach nicht ignorieren, dass Maßnahmen, die als Schutzmaßnahmen deklariert werden, erstens nicht überzeugend in ihrer Wirkung begründet bzw. hinterfragt werden und zweitens in der öffentlichen Diskussion nicht ins Verhältnis gesetzt werden zu ihren gravierenden und lebensbedrohlichen Folgen. Und was mich allerdings nach wie vor bass erstaunt zurücklässt, ist die unterirdische Argumentationskultur, mit der nicht nur in diesem Leitartikel Menschen, die sich dem Handeln der Regierungen gegenüber kritisch verhalten in irgendwelche Ecken geschoben werden, offenbar nur um einen Grund zu haben, sich nicht mit ihren drängenden Fragen auseinandersetzen zu müssen. Ein Bodo Schiffmann argumentiert ganz ganz überwiegend sachlich, er setzt sich auch mit anderen Sichtweisen argumentativ auseinander. Die Blätter konnten das auch einmal. Ich hoffe, dass Sie es auch in dieser Zeit einer echten Prüfung, jetzt da einmal mehr von uns verlangt wird als Rechthaberei, nämlich eine moralische Haltung in Bezug auf den Diskurs, der zu verkommen droht, ich hoffe und wünsche Ihnen, dass die Blätter zu journalistischer Qualität zurückfinden. Mit freundlichen Grüßen Moritz Klingmann 29.05.20 Sehr geehrter Damen und Herren, sehr geehrter Herr von Lucke, ich möchte meine gestrige Mail noch um einen Aspekt ergänzen, der mir tatsächlich sehr zu denken gibt. Ich meine die Art und Weise, wie in dieser Ausgabe der Blätter Menschen gebrandmarkt werden. "Manche, wie der Verschwörungsideologe Ken Jebsen, malen bereits das Bild einer globalen Diktatur an die Wand, in denen ein die Weltherrschaft anstrebender Bill Gates im Zusammenspiel mit seinen nationalen Marionetten dafür sorgt, dass die Weltbevölkerung durch Impfung und die Einsetzung von Chips radikal dezimiert wird. Wie schon 2015 könnte die radikale Rechte damit ihr Mobilisierungsthema der nächsten Jahre gefunden haben." In diesem kleinen Abschnitt wird Ihre Art der Darstellung, die auch an anderer Stelle zur Anwendung kommt sehr deutlich. Ich muss mich nicht von Ken Jebsen distanzieren. Ich kann nur sagen, dass ich seine Aussagen mitunter zu aufgeregt finde in der Art, wie er sie verkündet. Inhaltlich muss ich sagen, dass er im Gegensatz zu Ihnen, zumindest versucht, das, was er sagt, ernsthaft und nachvollziehbar zu begründen. In dem angeführten Ausschnitt wird Jebsen zunächst als Verschwörungsideologe gekennzeichnet, das ist offensichtlich allgemeiner Konsens, dennoch machen Sie sich die Mühe so etwas wie eine Begründung nachzureichen. Nun ist das mit der Impfung die eine Sache, hier bringt Jebsen Beispiele, die der Überprüfung wert wären. Er führt Impfkampagnen in Indien an, die durch die Bill and Melinda Gates Foundation initiiert worden sind, und in denen junge Frauen mit nicht transparent gegebenem Einverständnis Impfungen unterzogen wurden, die teils schwere Nebenwirkungen hatten und teils die Fruchtbarkeit beeinträchtigten. Gegen Gates werde deshalb in Indien ermittelt. Wie gesagt, hier würden sich Recherche und Widerlegung dieser Verschwörungstheorie, denn das ist es ja zunächst einmal völlig wertfrei, lohnen. In den Blättern habe ich darüber noch nichts gelesen. Das andere ist das Einsetzen von Chips, was immer damit gemeint sein mag, und das ist nun in den letzten Wochen so eine Art Running Gag bei der Verhöhnung Andersdenkender geworden. Es mag sein, dass es Menschen gibt, die vor so etwas Angst haben, es gibt auch Menschen, die sich unabhängig von allen veröffentlichten Zahlen vor einem grassierenden todbringenden Virus fürchten, so dass sie sich ohne Atemmaske nicht mehr ins Freie trauen. Dass Jebsen so etwas vertreten würde, konnte ich allerdings noch nicht feststellen, ich bitte Sie daher um Aufklärung. Und als Krönung kommen dann die Rechtsradikalen noch dazu. So ist Jebens also zu einem irren Rechtsradikalen geworden, ohne dass es explizit ausgesprochen wäre, und die Evidenz dieser Zuschreibung tendiert gemäß dessen, was Sie mitzuteilen bereit sind, gegen null. Das ist die hohe Kunst der böswilligen Manipulation, insofern ziehe ich meinen Hut, und ich wäre auch überhaupt nicht überrascht das als Kommentar in irgendeinem Online-Magazin zu lesen. Aber in den Blättern würde ich so etwas Schäbiges nicht erwartet haben. Bis zur letzten und bis zu der aktuellen Ausgabe, denn inzwischen zieht sich solches Schreiben wie ein roter Faden durch das Blatt. Ich mag Boris Palmer auch nicht, aber die Art, wie er in der Glosse entstellt wird, widerspricht ebenfalls den guten Sitten. Wie gesagt, es zieht sich durch das ganze Blatt und ich kann nur hoffen, dass Sie bald zur Besinnung kommen und wieder den Anstand und die intellektuelle Redlichkeit zeigen, den ich mir als Leser erwarte.

Mit freundlichen Grüßen

Moritz Klingmann

 

 

 

 

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